Früher war alles besser? Ein Gedanke zum Tag der Arbeit (1. Mai)

von: Arens

Qualitätsmängel, Verzögerungen, private Investoren unter Druck, Projekte die ins Stocken geraten. Der erste Impuls, wenn man das alles sieht, ist ehrlich gesagt: Lamentieren. Und dann kommt unweigerlich der Gedanke: Früher war doch alles besser.

Ich habe mich dabei ertappt. Und dann kurz nachgedacht.

Das Ulmer Münster und der Rückschaufehler

Das Ulmer Münster steht heute als ikonisches Wahrzeichen da – mit 161,53 Metern der höchste Kirchturm der Welt (seit 2025 knapp überholt durch die Sagrada Família, aber das ist eine andere Geschichte). Ein Meisterwerk. Stabil, imposant, jahrhundertealte Handwerkskunst.

Aber wenn man in die Baugeschichte schaut, wird es interessant.

Der Grundstein wurde am 30. Juni 1377 gelegt – finanziert ausschließlich von den Ulmer Bürgern selbst, ohne kirchliche oder adelige Unterstützung. Der ursprüngliche Bauplan? Laut historischen Quellen ein paar vage Zeichnungen ohne technische oder statische Bemessungen. Man verließ sich auf Erfahrungswerte und mündlich überliefertes Wissen.

Was dann folgte, liest sich fast wie eine Projektmanagement-Fallstudie in allem, was man falsch machen kann. Mehrfache Bauleiter- und Planungswechsel. Grundlegende Planänderungen mitten im Bau. Im Jahr 1492 – also über 100 Jahre nach Baubeginn – fielen während einer Mittagspredigt Steine aus dem Gewölbe des falsch fundamentierten Hauptturms. Die Besucher flohen in Panik. Der Baumeister wurde trotz fehlender Schuld gefeuert. Sein Nachfolger musste erst einmal stabilisieren, was der Vorgänger verbockt hatte.

Ab 1543 wurde der Bau eingestellt – zur Verhütung der Kosten, wie es damals hieß. Über 300 Jahre lang stand das Münster unvollendet. Erst 1844 nahm man die Arbeiten wieder auf. Fertiggestellt wurde es 1890 – also 513 Jahre nach der Grundsteinlegung.

Das ist kein Sonderfall. Das ist Infrastruktur.

Dieses Beispiel macht klarmacht, was Psychologen den Rückschaufehler nennen – auf Englisch: Hindsight Bias. Die Neigung zu glauben, früher sei alles geordneter, planvoller und fehlerfreier gelaufen. War es nicht. Wir erinnern uns an die Ergebnisse – nicht an den Murks auf dem Weg dahin.

Was beim Glasfaserausbau wirklich schiefläuft

Zurück zur Gegenwart. Denn ich will nicht so tun, als wäre die aktuelle Lage kein echtes Problem – das wäre unehrlich.

Eine PwC-Analyse von Anfang 2025, für die zwölf Telekommunikationsunternehmen befragt wurden, zeichnet ein ernüchterndes Bild: Die Qualität der ausgeführten Tiefbauarbeiten ist häufig unzureichend, was zu Nachbesserungen, Verzögerungen und erhöhten Kosten führt. Mitte 2025 konnten zwar rund 53 Prozent der deutschen Haushalte theoretisch Glasfaser beziehen – tatsächlich genutzt wird der Anschluss aber nur von rund 27 Prozent. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland weit abgeschlagen hinter Spanien, Frankreich oder Portugal.

Die Ursachen sind bekannt: langwierige Genehmigungsverfahren, Fachkräftemangel, zu kurzfristige Vergaben ohne stabile Partnerschaften, Doppelausbau durch konkurrierende Anbieter – und eine handwerkliche Ausführungsqualität, die oft nicht dem entspricht, was Auftraggeber erwarten oder brauchen.

Hinzu kommt das Finanzierungsumfeld: Seit der Zinswende sind die Rahmenbedingungen für Investoren deutlich rauer geworden. Wer in den Boom-Jahren mit ambitionierten Wachstumsplänen in den Markt eingestiegen ist – oft mit hohem Fremdkapitalanteil und knappen Margen einkalkuliert – steht heute unter erheblichem Druck. Erste Marktkonsolidierungen zeichnen sich ab.

Es läuft also einiges schief. Das ist keine Einbildung.

Was sich wirklich verändert hat

Aber ist das neu? Ich glaube, der entscheidende Unterschied zu früheren Großprojekten liegt nicht in der Häufigkeit der Fehler – sondern in ihrer Sichtbarkeit.

Jeder Mangel, jede aufgerissene Straße ohne Ergebnis, jedes gestoppte Projekt ist heute sofort dokumentiert und öffentlich sichtbar – in sozialen Medien, Fachforen, der Presse. Der Murks beim Ulmer Münster war über Jahrhunderte verteilt und von den meisten schlicht nicht beobachtbar. Heute erreicht ein Baufehler in Stunden die Branchenöffentlichkeit.

Dazu kommt eine veränderte Erwartungshaltung. Wir bauen Infrastruktur mit einer Zeitvorstellung, die sich an Software-Updates orientiert – nicht an Tiefbauprojekten. Ein Glasfasernetz ist aber kein App-Update. Es ist physische Infrastruktur, die Planung, Baugenehmigungen, handwerkliche Ausführung und jahrzehntelange Wartung erfordert. Das Missverhältnis zwischen Erwartung und Realität ist real – und erzeugt Frustration, die manchmal mehr über uns aussagt als über das Projekt selbst.

Was wir jetzt brauchen: Handwerk, das von Fehlern lernt

Wir brauchen handwerklich ausgebildete Menschen, die den Glasfaserausbau nicht nur schnell, sondern richtig machen. Qualifizierte Fachkräfte, die wissen, wie Glasfaserkabel korrekt verlegt werden, sind Mangelware. Anfang 2025 wurde immerhin ein erster branchenweiter Leitfaden „Infrastrukturfachkräfte für Glasfasertechnik” veröffentlicht – ein überfälliger Schritt, aber noch lange keine ausreichende Antwort auf den strukturellen Fachkräftemangel.

Und hier ist etwas, das ich aus Erfahrung sagen kann: Nichts lernt man besser als durch Reparatur. Wer einen Mangel ausbessern muss, versteht den Ursprungsfehler auf eine Weise, die keine Schulung replizieren kann. Jeder Murks hat also eine positive Seite – wenn man ihn analysiert, dokumentiert und zur Grundlage für bessere Ausführung macht. Das ist nicht Schönreden. Das ist die Grundlage jedes handwerklichen Lernprozesses.

Die Münsterbauhütte in Ulm macht das seit 1377 so. Steinmetze, die heute an dem Gebäude arbeiten, lernen aus Fehlern, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte zurückliegen – und geben dieses Wissen weiter.

513 Jahre – und was wir daraus lernen

Der Glasfaserausbau in Deutschland hat echte Probleme. Qualitätsmängel, Fachkräftemangel, schlechte Planungsqualität und wirtschaftlicher Druck auf Investoren – das ist alles real und darf nicht wegdiskutiert werden.

Aber die Idee, dass große Infrastrukturprojekte früher sauber, schnell und ohne Reibungsverluste gebaut wurden? Das ist der Rückschaufehler. Großprojekte waren immer schwierig. Was uns fehlt, ist nicht die Nostalgie nach einer besseren Vergangenheit – was uns fehlt, sind handwerkliche Grundlagen, Geduld und die Bereitschaft, aus dem zu lernen, was gerade nicht funktioniert.

Das Ulmer Münster steht seit über 130 Jahren fertig. Es dauerte 513 Jahre.

Ich hoffe, beim Glasfaserausbau werden wir etwas schneller sein.

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